Hirn-Darm-Achse: So entscheidet der Darm über dein Wohlbefinden

04.07.2022 14:00

Darm Hirn Achse

Steht eine Prüfung an, rumort es in unserem Bauch: Wir haben Schmerzen und vielleicht sogar Durchfall. Auch schlechte Nachrichten, Sorgen und Stress schlagen auf die Körpermitte, während Verliebtheit die Schmetterlinge flattern lässt. Doch unser Darm ist nicht nur der Spiegel unserer Gefühle – er beeinflusst sie darüber hinaus.

Hier erfährst du, warum Darmgesundheit und Wohlbefinden zusammenhängen – und wie du Letzteres mit ein paar einfachen Veränderungen womöglich auf ein neues Level hebst. Mach dich bereit für die erstaunlichen Erkenntnisse der Wissenschaft!

Was ist die Darm-Hirn-Achse?

Unser Darm und Gehirn tauschen rund um die Uhr Informationen aus. Dabei bedienen sie sich verschiedenen Kommunikationssystemen, kurz: der Darm-Hirn-Achse. Dazu gleich mehr – zunächst wollen wir einen Blick auf das Bauchhirn werfen.

Bauchhirn? Klingt irgendwie umgangssprachlich, doch davon solltest du dich nicht täuschen lassen. Denn: Durch unseren gesamten Verdauungstrakt (von der Speiseröhre bis zum Anus!) zieht sich ein Geflecht aus 100 bis 150 Millionen Nervenzellen, das unserem Kopfhirn in Struktur und Komplexität in nichts nachsteht.

Mehr als das. Es handelt sich sogar um die gleichen Zellen.

Diese entstehen lange vor unserer Geburt. Während der embryonalen Entwicklung wandert ein Teil davon in das zukünftige Rückenmark und Gehirn – und ein anderer Teil siedelt sich im Magen-Darm-Trakt an. Als Kontrollzentrum steuert das so genannte enetrische Nervensystem sämtliche Verdauungsprozesse. Es…

  • ... reguliert die Darmbewegungen
  • ... analysiert die Nährstoffzusammensetzung des Speisebreis
  • ... bestimmt, was davon aufgenommen und was ausgeschieden wird.
Darm Hirn Achse

Wie funktioniert der Austausch?

In unserem Darm sitzt also ein zweites hochkomplexes Nervensystem, das fortlaufend mit unserem Gehirn kommuniziert. Aber wie funktioniert das eigentlich?

Die meisten Signale werden über den Vagusnerv quer durch den Körper geschickt, doch auch Mikroben spielen eine interessante Rolle.

  • a) Vagusnerv: Der Vagusnerv läuft vom Gehirn bis zum Darm – er verbindet die Organe also miteinander. Um sich zu verständigen, senden sie Botenstoffe aus, die beide kennen. Dazu gehören zum Beispiel Serotonin und Dopamin
  • b) Blutkreislauf: Unser Darm stellt rund 20 Hormone her – zum Beispiel Gastrin, Ghrelin oder Leptin. Darüber hinaus produzieren die Bakterien der Darmflora kurzkettige Fettsäuren und hormonähnliche Substanzen. Alle drei Stoffgruppen gelangen über die durchlässige Darmwand ins Blut und von dort aus ins Gehirn.

Wie gut die Kommunikation zwischen Darm und Hirn funktioniert, erleben wir jeden Tag: Wenn sich der Hunger meldet und wir den Kühlschrank öffnen oder nach einer Mahlzeit gesättigt die Gabel beiseitelegen.

Auch beim Erbrechen arbeiten die Organe eng zusammen. Hat der Darm Giftstoffe durch verdorbene Speisen im Verdauungstrakt entdeckt, meldet er diese dem Gehirn – kurz darauf setzt der Brechreiz ein.

Wie beeinflusst uns die Darm-Hirn-Achse?

Die Kommunikation über die Darm-Hirn-Achse erfolgt zwar in beide Richtungen, allerdings ist der Darm wesentlich redseliger – er sendet 90 Prozent der ausgetauschten Informationen.

Da wundert es nicht, dass unser Verdauungstrakt bei unserem Wohlbefinden ein Wörtchen mitzureden hat. Und doch ist es erstaunlich, wie maßgeblich er über unsere Gesundheit entscheidet.

1. Gefühle und Gedanken

90 Prozent des Serotonins entstehen im Darm. Hier produziert, kann das Glückshormon die Blut-Hirn-Schranke zwar nicht durchdringen, allerdings verbessert es die Kommunikation zwischen den beiden Organen.

Aber wie beeinflusst der Darm unsere Stimmung, wenn das Serotonin gar nicht im Gehirn ankommt? Das Geheimnis liegt in der Aminosäure L-Tryptophan – sie ist ein wichtiger Baustein für das Glückshormon und wird in großen Mengen im Verdauungstrakt hergestellt.

Hat sie die Blut-Hirn-Schranke durch Shuttleproteine überwunden, dient sie dem Gehirn als Ausgangssubstanz für die Serotoninbildung und steigert so unser Wohlbefinden. Andersherum – bei einer ungünstigen Darmbesiedelung, die nur wenig L-Tryptophan hervorbringt – kann unsere Stimmung sinken.

Die Wirkung unseres Darms geht jedoch noch weiter. Einer Studie zufolge verbessern manche Bakterien die Gehirnaktivität in Regionen, die Emotionen und Empfindungen steuern (1) – und das scheint sich positiv auf unsere Laune auszuwirken.

2. Stressempfindlichkeit

Ob wir mit den Aufgaben auf unserer To-Do-Liste jonglieren oder uns lieber im Bett verkriechen wollen, hängt von verschiedenen Dingen ab.

Dazu gehören zum Beispiel Kindheitserfahrungen – aber auch unsere Darmbesiedelung. Warum und wie sie unsere Resilienz beeinflusst, muss genauer erforscht werden. Womöglich besteht ein Zusammenhang mit der verbesserten Serotoninbildung.

Denn: Unser Körper kann aus Serotonin das Hormon Melatonin bilden – und das gilt als Gegenspieler des Stresshormons Cortisol (2).

3. Schmerzwahrnehmung

Serotonin beteiligt sich an der Schmerzwahrnehmung – deswegen macht sich ein Mangel unter anderem durch erhöhte Empfindlichkeit bemerkbar. Sind wir hingegen gut versorgt, nimmt diese zwar nicht ab, bewegt sich aber auf einem normalen Level.

4. Entscheidungen

Du bekommst eine neue Stelle angeboten und alles scheint perfekt. Die Mitarbeitenden? Wirklich nett. Das Gehalt? Mehr als du bisher verdient hast. Die Chefin? Versteht es, ein Team zu führen. Und trotzdem… entgegen jeglicher Logik, plagt dich ein mieses Bauchgefühl.

Was genau hinter unserem Bauchgefühl steckt, ist nicht vollständig erforscht – viele Wissenschaftler:innen sind sich jedoch einig, dass unser Darm mehr zu unserer Gedankenwelt und unserer Entscheidungen beiträgt, als lange gedacht (3).

5. Sättigungsgefühl und Essverhalten

Nehmen wir Nahrung auf, sendet der Magen-Darm-Trakt entsprechende Informationen an das Gehirn – im gemeinsamen Zusammenspiel regulieren die Organe daraufhin das Sättigungsgefühl.

Wie schnell wir uns satt fühlen, könnte auch mit Escherichia coli zusammenhängen: einem Darmbakterium, das Proteine produziert, die unsere Darmzellen dazu anregen, Sättigungshormone (Peptid YY) in die Blutbahn zu geben (4).

Zu diesen Ergebnissen passt das veränderte Darmmikrobiom bei adipösen Patient:innen – verschiedene Untersuchungen zeigen, dass die Artenvielfalt bei Betroffene reduziert ist (5). Andersherum entwickelte eine Frau, die nach einer Darminfektion eine Stuhltransplantation von ihrer adipösen Tochter enthielt, innerhalb kürzester Zeit selbst Adipositas (6).

6. Persönlichkeit

Für ein Experiment züchteten Forscher:innen zwei Arten von Mäusen – die eine war draufgängerisch und extrovertiert, die andere scheu und nervös. Durch einen Kaiserschnitt zur Welt gebracht, wuchsen die Tiere in keimfreien Räumen auf, wo sie sterile Nahrung zum Fressen bekamen.

Anschließend transplantierten die Wissenschaftler:innen den Mäusen Darmbakterien der jeweils anderen Art und setzten sie auf eine erhöhte Plattform. Stürzten sich die scheuen Mäuse ohne zu zögern in die Tiefe, harrten die draufgängerischen Mäuse dreimal so lange wie zuvor aus.

Ähnliche Effekte ließen sich am Menschen nachweisen. Bei einem Experiment mit 231 niederländischen Gefangenen zeigte sich ein Rückgang von Straftaten durch die Gabe von Vitaminen, Mineralien und Fettsäuren (7).

Das Ergebnis bestätigt die Vermutung, dass eine geringe Bakterienviefalt im Darm aggressives Verhalten fördert – vielleicht, weil mangelndes Serotonin mit erhöhter Aggression in Verbindung steht.

7. Depressionen

Ob Darmbakterien tatsächlich Depressionen hervorrufen, ist nicht eindeutig belegt. Eine Untersuchung der Katholischen Universität Leuven offenbarte jedoch, dass bei Menschen mit Depressionen die Bakterienarten der Gattungen Dialister und Coprococcus nur vermindert vorkommen – und gerade Letztere scheinen die Lebensqualität zu erhöhen (8).

Eine andere Studie fand bei depressiven Patient:innen weniger Enterococcaceae- und Lactobacillaceae-Bakterien. Die Forscher:innen transplantierten die beiden Stämme in „keimfreie“ Mäuse. Und siehe da: schon zuvor da gewesenes depressives Verhalten verstärkte sich (9).

Wissenschafter:innen der Universität Basel fragten sich, ob diese Erkenntnisse zur Behandlung von depressiven Erkrankungen taugen. In einer Studie verabreichten sie Betroffenen Kapseln mit dem Stuhl von gesunden Spender:innen.

Was furchtbar unappetitlich klingt, führte zum Erfolg: Die Symptome nahmen deutlich ab (10). Es handelte sich um eine sehr kleine Studie, sodass weitere Forschungen nötig sind. Die bisherigen Ergebnisse erscheinen jedoch vielversprechend.

8. Krankheiten

Erste Befunde lassen vermuten, dass Darmbakterien und das Darmimmunsystem chronische neurologische Erkrankungen mitverursachen oder verschlimmern können – dazu gehören zum Beispiel Parkinson, Alzheimer und Multiple Sklerose (11).

So zeigte sich, dass vor dem Auftreten von klinischen Parkinson-Symptomen die Bewegungsfähigkeit des Darmes verändert ist.

Bei einer Untersuchung von Alzheimer-Patient:innen unterschied sich das Darm-Mikrobiom wiederum deutlich von gesunden Studienteilnehmenden – sowohl die Zusammensetzung, als auch die Stoffwechselprozesse wichen ab (12).

Womöglich bestimmt die Zusammensetzung des Darmmikrobioms in der Kindheit sogar über unsere Gesundheit. Ist diese gestört, könnte das die Reifung des zentralen Nervensystems beeinträchtigen – und psychische Erkrankungen wie Depressionen und Autismus begünstigen (13).

9. Gehirnentwicklung

Extrem frühgeborene Kinder haben ein hohes Risiko für Hirnschäden – vermutlich unter anderem, weil ihr Magen-Darm-Trakt mit Klebsiella-Bakterien besiedelt ist. Diese erhöhen das Vorkommen spezieller Immunzellen und begünstigen oder verschlimmern neurologische Schäden (14).

Das Problem: Bei Frühchen sind Immunsystem und Mikrobiom nicht ausgereift – deswegen kommt es hier zu Verschiebungen, die sich negativ auf das Gehirn auswirken können.

Davon sind allerdings nicht nur Frühgeborene betroffen. Eine EU-finanzierte Forschungsstudie kommt zu dem Schluss, dass die Darmbesiedelung in unseren frühen Lebensjahren der Schlüssel zu einer gesunden Gehirnentwicklung sein kann (15).

Darüber hinaus scheint das Mikrobiom bei Erwachsenen weiterhin zur Gehirngesundheit beizutragen. Darauf weisen zumindest Experimente mit Mäusen hin.

Hier zeigte sich, dass die Abbauprodukte des Mikrobioms die Funktion der Gehirn-Immunzellen (Mikroglia) steuern (16). Diese bauen Synapsen ab oder stärken sie, wodurch sie zur neuronalen Plastizität beitragen: Umbauprozesse im Gehirn, die für Gedächtnis und Lernen ausschlaggebend sind.

Wie geht es deinem Darm? Hier findest du es heraus!

In den letzten Abschnitten hast du gelernt, auf welch erstaunliche Weise unser Darm in unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden eingreift.

Nicht überall ist die Erforschung voll ausgereift, doch die bisherigen Ergebnisse sind vielversprechend. Umso wichtiger: eine gute Darmgesundheit. Jetzt den Check machen und herausfinden, wie es um deinen Verdauungstrakt steht.

Glücklicher Darm Unglücklicher Darm
Regelmäßiger wurstförmiger Stuhl mit einer glatten oder rissen Oberfläche Häufiger Durchfall oder Verstopfungen
Guter Schlaf Ein- und Durchschlafprobleme
Flacher Bauch Aufgeblähter Bauch
Keine Nahrungsunverträglichkeiten Beschwerden nach dem Verzehr bestimmter Lebensmittel
Allgemein gutes Wohlbefinden Herabgesetztes Wohlbefinden
Seltene Infekte, gutes Immunsystem Häufige grippale Infekte

So tust du deinem Darm etwas Gutes: 5 Tipps

Ist unser Darm glücklich, geht es auch uns gut. Deswegen: Sorge für ihn! Fünf schnelle Tipps gibts gleich auf die Hand, mehr findest du in unserem Darmflora-Artikel. hier geht es zum Blogbeitrag

  • chronischen Stress vermeiden: Unser Darm hasst Stress. So sehr, dass er durch dauerhafte Anspannung sogar durchlässig wird („leaky gut“). Grund genug, runterzufahren – zum Beispiel mit einer Entspannungsmethode.
  • regelmäßige Bewegung einplanen: Sport bringt den Darm auf Trab und die Verdauung in Schwung. Außerdem ist sie für viele andere Dinge gut, wie du hier erfährst. hier geht es zum Blogbeitrag
  • wenig Zucker essen: Übermäßiger Zuckerkonsum lässt die Populationen der krankmachenden Bakterien explodieren. Weil sie die guten Stämme verdrängen, gerät das Gleichgewicht aus den Fugen. hier geht es zum Blogbeitrag
  • genug Ballaststoffe tanken:Unser Mikrobiom braucht Ballaststoffe – sie dienen ihm als Futter. Bei der Verwertung entstehen außerdem wertvolle Substanzen wie Butyrat: eine Fettsäure, die Stoffwechselprozesse im ganzen Körper beeinflusst.
  • abwechslungsreich ernähren: Je abwechslungsreicher unser Speiseplan ist, desto mehr Vielfalt herrscht in unserem Darm.

Fazit: Miese Laune oder schlechte Stressresistenz? auch eine Frage des Darms!

Sind wir verliebt, flattern die Schmetterlinge und Ärger schlägt uns auf den Magen: Der Darm ist die Zentrale unserer Gefühle – das haben wir längst geahnt. Und seit sich die Forschung dem Thema widmet, gibt sie uns endlich recht. Bisherige Ergebnisse zeigen, dass unser Verdauungssystem…

  • … Emotionen, Gedanken und Entscheidungen beeinflusst
  • … unser Essverhalten reguliert
  • … möglicherweise schwerwiegende Krankheiten mitverursachen oder verschlimmern kann
  • … in unsere Stressresistenz eingreift
  • … auf unsere Persönlichkeit einwirken könnte
  • … für die Gehirnentwicklung eine wichtige Rolle spielt.

Essen wir genügend Ballaststoffe und treiben wir viel Sport – tun wir unserem Darm also Gutes –, kann sich das auch auf andere Lebensbereiche auswirken und unser Wohlbefinden auf ein neues Level heben.

Carina J.
Über die Autorin: Carina J., Ökonerd

Seit ihrer Kindheit will Carina vor allem eins: Die Umwelt schützen. Zunächst wurde sie politisch aktiv, besuchte Seminare und schrieb ein Buch. Später verwirklichte sie einen Traum, der sie bis heute begleitet: Als selbstständige Texterin für nachhaltige Unternehmen macht sie mit ihrer größten Leidenschaft - dem Schreiben - die Welt jeden Tag ein kleines bisschen besser.

Quellen

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